Pipo – Der Berggeist – überarbeitete Version

Irgendwo ganz tief in den Bergen, unten im Tal. Die Menschen gingen ihrem Alltag nach. Doch abends in den Kneipen erzählten sie sich gar gruselige Geschichten. Geschichten, seit Generationen überliefert. Geschichten von einem alten Berggeist. Der den Menschen nur böses wollte. Sie einschüchtern wollte und das Dorf erobern. Auch die beiden Mädchen Anni und Hanna kannten diese Geschichte. Doch sie konnten und wollten nicht glauben, was überall erzählt wurde. Schließlich hatte noch kein Mensch aus dem Dorf diesen Berggeist gesehen. Man hörte nur nachts das schlagen einer Axt. Und das Echo, welches wieder hallte.

Eines Tages, die Mädchen waren wieder im Dorf unterwegs, hörten sie wieder diese Geschichten. „Hanna“ sprach Anni. „Wir sollten einen Plan schmieden. Wie wir heraus finden, ob all diese Gruselgeschichten wahr sind.“
Hanna sah Anni ängstlich an. „Ja aber, was willst du tun? Was ist wenn die Geschichten wahr sind? Er uns irgend etwas an tut? Ich habe Angst!“
Anni lachte: „Du hast Angst? Gut dann geh zu den anderen, hör Dir weiter deren Geschichten an. Dann zieh ich eben allein los. Schon heute Abend, wenn es dunkel wird, ziehe ich den Berg hinauf und folge dem schlagen der Axt. Irgendwo muss dieser Berggeist ja sein, der dem Dorf nur böses will.“ Damit war Anni im Haus ihrer Eltern verschwunden.

Hanna, die ihre beste Freundin nicht im Stich lassen wollte, lief ihr nach. „Anni warte, ich komm mit. Ich laß dich nicht alleine da hin. Wer weiß was dich dort erwartet.“ „Ok, wir treffen uns wenn es finster ist auf dem Dorfplatz. Aber bitte sag niemanden etwas.“ sprach Anni.

Als es endlich dunkel war, trafen sich Anni und Hanna wie verabredet auf dem Dorfplatz. Keiner der anderen Dorfbewohner war mehr zu sehen.
„Ich hab eine Taschenlampe mit“ sprach Hanna leise. „Das ist gut. Lass uns los gehen.“ antwortete Anni. „Aber wo sollen wir anfangen zu suchen?

Kaum hatte Anni dies gesagt war es wieder da. Das Geräusch der Axt. Die Mädchen horchten auf. „Hanna, ich glaube das kommt von da.“ Anni zeigte auf den Berg der dicht hinter dem Wald zu sehen war.

Leise und ohne ein Wort zu sagen liefen die Mädchen los. Richtung Wald. Am Wald angekommen, sahen sie einen Weg, der direkt in den Wald führte. „Ob das der Weg zum Berg ist Anni?“ „Ich weiß es nicht. Laß es uns einfach versuchen.“

Je weiter die beiden in den Wald kamen um so dunkler wurde es. Plötzlich wurde es still. Hanna und Anni blieben vor Schreck stehen. Doch schon wenige Minuten später erklang die Axt erneut. Hanna schaltet ihre Taschenlampe ein. So hatten die beiden wenigstens ein wenig Licht und konnten nicht vom Weg ab kommen.

Sie liefen und liefen und wollten eigentlich schon aufgeben. Und waren am anderen Ende des Waldes angekommen. „Hanna da, schau. Da hinten, das Licht!“ sprach Anni aufgeregt. Aus der Ferne sahen sie einen kleinen Mann. Der kaum größer war als sie selbst. Hanna schluckte. „Ob das der Berggeist ist? Was wenn er uns etwas an tut?“ „Ach was.“ erwiderte Anni. „Was soll er uns schon an tun. Das sind doch alles nur Geschichten, die im Dorf erzählt werden.“

Anni nahm Hanna an die Hand und sie gingen weiter. Dem Licht entgegen, was immer heller und größer wurde. Auch das schlagen der Axt wurde immer lauter. Als sie nah genug heran waren und trotzdem noch genug Abstand zum weg laufen hatten nahm Anni all ihren Mut zusammen.

„Hallo“ sprach sie leise. „Wer bist Du?“ Der kleine Mann, dessen Kleidung komplett aus Fell war, trug eine Fellmütze. Er erschrak, blieb wie erstarrt stehen und sah die Mädchen mit großen Augen an. „Was… Was.. Was wollt ihr hier?“ stotterte er. Anni drückte Hannas Hand noch fester, schluckte und sprach: „Also ich bin Anni und das hier ist meine beste Freundin Hanna. Wir wohnen am anderen Ende des Waldes im Dorf. Unten im Tal. Ganz oft hören wir in der Dämmerung Deine Axt. Im Dorf erzählt man viele Geschichten über Dich. Und wir… ja wir wollten Dich suchen. Also sag uns doch bitte. Bist Du der Berggeist?“

Der kleine Mann fing an zu lachen. „Ja ein Berggeist bin ich wohl. Mein Name ist Pipo. Früher habe ich noch in den Bergen gewohnt. Aber jetzt wohne ich am Waldrand. Aber wenn ihr mögt. Kommt doch herein. In meine kleine Hütte.“

Anni und Hanna wussten nicht so recht ob sie der Einladung folgen sollten. Und während Pipo schon in der Tür stand drehte er sich noch einmal um. „Nun kommt schon. Ich tue Euch nichts.“ Die Mädchen folgten ihm also in die Hütte und nahmen auf der Holzbank neben dem Kamin Platz.

Endlich hatte auch Hanna ihre Angst überwunden. „Pipo, sag was machst Du hier in den Bergen und am Waldrand? Die Menschen bei uns im Dorf erzählen gar gruselige Geschichten über Dich.“

Pipo horchte auf. „Dann berichtet mir doch mal, was die Menschen über mich erzählen.“ Anni und Hanna fingen an zu erzählen. Das er den Menschen nur böses will und eines Tages das Dorf erobern. Pipo hörte sich die Geschichten an und lachte erneut. „Ich Euer Dorf erobern? Wie komm ich denn dazu? Ihr habt euren Lebensbereich und ich habe meinen. Ich kann im Dorf gar nicht leben. Ich brauche den Wald, ich brauche die Tiere und die Tiere brauchen mich.“

„Die Tiere brauchen Dich?“ fragte Anni interessiert. „Ja im Winter versorge ich die Tiere im Wald mit Futter. Im Sommer wenn es sehr trocken ist stelle ich ihnen Wasser bereit. Tiere werden auch krank. Dann gehe ich in den Wald nach Kräutern suchen und heile die Tiere. Und mit der Axt, die ihr bei Euch im Dorf hört schlage ich das ganze Jahr über Äste und umgefallene Bäume, die der Sturm mit sich gerissen hat. Aus dem mach ich Feuerholz für den Winter.“


Anni sieht Hanna an. „Hab ich dir nicht gesagt, dass all diese Geschichten nicht stimmen?“ Die Mädchen hatten total die Zeit vergessen. Es war schon mitten in der Nacht. „Anni, wir müssen nach Hause. Hoffentlich haben unsere Eltern nichts bemerkt.“ Anni sah Pipo an. „Pipo wir müssen zurück.“ „Gut“ sprach Pipo. „Ich werde euch begleiten, damit ihr nicht alleine durch den dunklen Wald müsst. „Und wenn Dich die Menschen im Dorf sehen?“ wollte Hanna wissen. „Ich werde mich im Wald verstecken.“

Die drei gingen also den selben Weg zurück, den Hanna und Anni vorher gegangen waren. Angst hatten die Mädchen nicht mehr, da sie ja nun wussten das der Berggeist nicht böse war. Als sie kurz vorm Tal waren, hörten die Mädchen, wie die Menschen aufgeregt auf dem Dorfplatz standen. „Wo sind Anni und Hanna nur?“ rief einer. Plötzlich hatten Anni, Hanna und auch Pipo ein helles Licht im Gesicht. Sie blieben stehen. „Anni! Hanna!“ rief Annis Mutter. Wo seid ihr gewesen? Vollkommen aufgelöst rannte sie auf die Mädchen zu, und blieb kurz vor den beiden Mädchen stehen.

„Mama, das ist der Berggeist.“ Annis Mutter erschrak. „Der wer?“ „Na der Berggeist.“ Anni sah Pipo an. „Magst Du mit kommen? Auf den Dorfplatz? Damit die Menschen Dich kennen lernen? Und keine Angst mehr vor Dir haben?“

Pipo, dem das alles nicht so geheuer war, willigte dennoch ein. Die Dorfbewohner im Tal staunten nicht schlecht, wen Anni und Hanna mit gebracht hatten. Aber sie wollten den Berggeist auch nicht vertreiben. Und so lernten sie sich kennen. Die Menschen im Dorf erzählten keine Grusel – Geschichten mehr. Der Berggeist war froh, dass die Menschen keine Angst mehr vor ihm hatten.
Und manchmal, wenn die Axt im Tal nicht mehr zu hören war, saß der Berggeist mit den Dorfbewohnern mitten auf dem Dorfplatz am Lagerfeuer. Und sie dachten sich gemeinsam neue Geschichten aus.

Gabi Pötsch 2019